Die Angst vor dem Leben

Die Angst vor dem Leben ist die größ­te Angst der Men­schen. Wir fürch­ten uns nicht so sehr vor dem Tod. Unse­re größ­te Angst ist es, das Risi­ko des Lebens ein­zu­ge­hen, das Risi­ko, leben­dig zu sein und aus­zu­drü­cken, wer und was wir wirk­lich sind.

Don Miguel Ruiz: Die vier Ver­spre­chen

Ich kom­me mit einem Lächeln auf dem Gesicht nach Hau­se. Habe den Abend unter Men­schen ver­bracht und bin wie berauscht von den Begeg­nun­gen, dem Aus­tausch, der Freu­de und der Gemein­schaft. Es war ein guter Tag. Ich bin dank­bar und zufrie­den.

Frü­her hät­te ich jetzt eine geraucht, um den gelun­ge­nen Abend zu fei­ern.

Aber stimmt das über­haupt – um ihn zu „fei­ern“?

Eine Ziga­ret­te hät­te mei­nem Gefühl der Ver­bun­den­heit mit der Welt und den Men­schen etwas ande­res über­ge­stülpt. Ein vor­ge­fer­tig­tes Befrie­di­gungs­er­leb­nis aus der Kon­ser­ve, das ich sowie­so zehn, zwan­zig Mal am Tag habe. Schon als ich noch rauch­te, habe ich mich im Hin­ter­kopf gefragt, war­um.

Dass Trau­rig­keit oder Stress nach einer Ziga­ret­te zum Trost und zur Beru­hi­gung schrei­en, ist ja leicht zu ver­ste­hen. Aber war­um Freu­de und Glück? War­um konn­te ich Freu­de und Glück nicht ein­fach genie­ßen? War­um brach­ten sie ein so mäch­ti­ges Begeh­ren mit sich, als wür­de etwas feh­len?

Ich den­ke heu­te, dass es mehr mit Angst zu tun hat­te als mit Fei­ern.

Angst vor dem Glück, weil ich nicht damit umge­hen und es nicht kon­trol­lie­ren konn­te. Und eben­so Angst davor, dass es wie­der ver­schwin­den wür­de.

Durch das Rau­chen wur­de das Gefühl bere­chen­bar, hand­hab­bar, kon­trol­lier­bar. Ich zwäng­te es in das bestehen­de Sys­tem mei­ner Rou­ti­nen, auch mei­ner Gefühls­rou­ti­nen, um es zu zäh­men und gleich­zei­tig zu kon­ser­vie­ren.

Den Umgang mit Gefüh­len zu ler­nen ist ist genau­so wich­tig wie der Ver­zicht auf die Ziga­ret­ten selbst. Und genau­so schwer, wenn nicht noch schwe­rer. Man kann ja auch einen Film schau­en, am Han­dy her­um­spie­len, etwas essen und vie­les mehr tun, um sei­ne Gefühls­la­ge in bere­chen­ba­re Bah­nen zu len­ken. Etwas fin­det sich immer.

Sucht­ver­hal­ten ist ein Ersatz für das ech­te Leben (Was ist Sucht?). Je mehr wir uns an die­sen Ersatz gewöh­nen, des­to stär­ker wei­sen wir das ech­te Leben zurück, wenn es sich öff­net und anbie­tet. Denn es ist nicht kon­trol­lier­bar. Es ist das beun­ru­hi­gen­de Unbe­kann­te. Es über­for­dert uns. Und je mehr wir es zurück­wei­sen, des­to mehr brau­chen wir den Ersatz.

Die Sucht zu über­win­den heißt, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men und das Leben anzu­neh­men. Mit allem, was dazu­ge­hört. Auch wenn es etwas Unheim­li­ches und Beängs­ti­gen­des ist wie Freu­de oder Glück.

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